Leise rieselt der Schnee….

die Axt im Rücken tat weh. Dachte Franz. Für weitere Überlegungen fehlte ihm leider die Zeit. Gefällt wie Minuten zuvor der stattliche Tannenbaum krachte er reglos zu Boden, das erwürgte Huhn fest in der linken Hand.

Als Josefa, sein Eheweib, sehr viel später ins Freie trat, um nach dem Federvieh zu sehen, lag bereits eine flauschig weiße Decke über den beiden. Ein Stilleben mit Tod, wie es idyllischer nicht hätte sein können. Nur eine Kralle ragte ein wenig unter der flockigen Schicht hervor. Vorsichtig grub Josefa das Huhn aus und nahm es mit in die warme Stube. Franz blieb, wo er war. Für ihn gab es keine Verwendung mehr.

Für sie hingegen war die Bescherung perfekt.

Im Kamin prasselte das Feuer, auf dem Herd brodelte die Henne und im Garten bibberte der Mann. Er war Zeit seines Lebens ein Hitzkopf gewesen, die Kälte würde ihm ganz gut tun. Damit er einigermaßen wohltemperiert ins Fegefeuer kam. Dort konnte er schmoren. Und um Vergebung bitten für all die sündigen Sachen, in dessen Genuss sie niemals gekommen war.

Erwärmt von diesen besinnlichen Gedanken nahm Josefa den Topf vom Herd. Sie griff sich ein Hühnerbein und schlug ihre Zähne ins Fleisch. Nun musste sie nur noch die zartrosa Kerzen am Christbaum entzünden. Dann konnte diese friedvolle und stille Heilige Nacht Einzug halten in ihr trautes Heim. Das ´Glück allein´ war ihr ja mittlerweile beschieden.

An die endlos lange Zeit, die sie an Franzens Seite ihren Mann gestanden hatte, mochte sie gar nicht mehr denken. Es mussten wohl an die dreißig Jahre sein. Während sie Bauer und Knecht in Personalunion stellte, stellte ihr Gatte lieber Ansprüche. Während sie Steckrüben und Erdäpfel setzte, setzte er Schweinefett an. Bevorzugt an den Hüften, aber nicht nur. Sein Speckgürtel lag ihm zunehmend näher am Herzen. Zwei Infarkte suchten ihn heim, doch sie verweilten nicht lange genug. Franz kam immer wieder auf die Beine. Doch nun, wo ihn gewissermaßen der Schlag ereilt hatte, würde das nicht mehr passieren.

Die Axt im Hause ersparte eben nicht nur den Zimmermann, sondern auch den Scheidungsanwalt.

Zufrieden mit sich und dem herrlichen Winterwetter langte Josefa nach dem zweiten Hühnerbein. Die Henne hatte ihre Wertschätzung verdient.

Tod durch Erwürgen war keine angenehme Art, aus dem Leben zu scheiden. Qualen und Halsmuskeln wurden unnötig in die Länge gezogen, zudem litt die Fleischqualität.

Aber Franz – Gott hab ihn selig – hatte nicht anders gekonnt. Zwar ging er dem Geflügel gern selbst an den Kragen, doch fehlte ihm dazu jedes Talent.

Seine Eignung zum Schlachthandwerk fiel in die Kategorie Handgreiflichkeiten mit Todesfolge. Wo sonst wurden schon Hühner ins Jenseits gewürgt? Oder Schafe stranguliert?

Noch heute erinnerte Josefa sich voller Grauen an jenen Karfreitag vor zwei Jahren, als das kleine Osterlämmchen tot am blühenden Kirschbaum hing. Ein gut abgehangener Braten sozusagen, der ihr noch lange im Magen gelegen hatte. Und die Schuld daran trug alleine ihr Mann.

Zeit seines Lebens sah er zwar gerne rot, aber den Anblick von Blut hatte er nie ertragen können. Ein einziger Tropfen brachte dieses gestandene Mannsbild zu Fall. Dann stürzte er umgehend in säumige Ohnmacht, während sie auf der Arbeit – und ihrer Jungfernschaft – sitzen blieb.

Jahrein, jahraus, und das ein halbes Leben lang.

„Seffi, das ist der Bankert von der Vrenitant. Pass gut auf ihn auf!“ Mit diesen Worten hatte ihr ihre Mutter den kleinen Franz vor ewigen Zeiten ans Herz, oder besser gesagt, an die Nerven gelegt.

Sie war gerade dreizehn geworden und störte sich fürchterlich an ihren Pickeln im Gesicht. Nun hatte sie auch noch einen Problemfall am Hals. Und gegen den halfen weder Clearasil noch Schminke.

Franz hing wie eine Klette an ihr, während die Vrenitant mehr vorsorglich denn fürsorglich das Weite gesucht hatte. Sie hinterließ ihnen den Buben zusammen mit einem Wohnrecht auf ihrem Hof.

Der alte Gutshof hatte seinen Reiz, der junge Franz eher nicht. Er ging Josefa bereits auf den Geist, bevor sie das wahre Ausmaß der Tragödie begriff. Ständig musste sie Rücksicht nehmen, das beste Stück vom Braten abtreten, hinter ihm aufräumen oder seinen Spieltrieb befriedigen.

Zu einer weiteren Triebentwicklung kam es, von seiner Fressgier einmal abgesehen, allerdings nie.

Und weil Franz bereits in jüngsten Jahren allergisch auf Blut war, musste sie ihn zudem nach Hause schleppen, wenn er sich irgendwo gestoßen oder mit irgendwem angelegt hatte. Was oft genug vorkam.

Ihr Cousin war klein, aber sein Mundwerk war groß. Weitaus größer als sein Talent für Fußballspiele oder Freundschaften. Bekam der den Ball ab, kollidierte er mit dem Rasen, bekam er den Ball nicht ab, kritisierte er seine Freunde. Was ihm entweder blutige Knie oder blaue Augen einbrachte; und ihr großes Gejammer in Stereophonie.

„Seeeeffffi. So wart doch auf mich. Ich kann nicht gehen. Mein Knie tut so weh. Jetzt bleib doch stehen. Stehenbleiben, hab ich gesagt. “

Dann, unvermeidlich wie sein ohrenbetäubendes Gebrüll, begann er zu drohen.

„Wenn du mich nicht auf den Arm nimmst, dann sag ichs meiner Mutter. Und dann könnts ausziehen von meinem Hof. Weil ihr nur G´sindel seids, Habenichtse, Nichtsnutze…“

Es war wirklich nicht leicht mit dem Kind der Vrenitant.

Kam sie mit dem widerlichen Balg dann heim, setzte ihre Mutter noch eine ordentliche Watschn drauf.

„Was ist mit dem Buam passiert? Du dreckiger Saufratz. Ich hab dir schon hundert Mal gesagt, dasst auf den Franz aufpassen musst. Damit ihm ja nichts passiert.“

Sie riss an Josefas Haaren und schlug mit dem Putzlappen – manchmal war es auch der Kochlöffel – auf das verschreckte Kind ein.

Die Zugabe bestand meist aus einem ausufernd artikuliertem Heulkrampf.

„Womit hab ich das verdient? Mein Leben lang hab ich nichts Gutes gehabt, nur Sorgen und Arbeit. Auf meine Eltern hab ich gschaut, auf meinen Mann hab ich gschaut, auf dich hab ich gschaut – und was war der Dank? Noch mehr Arbeit und noch mehr Sorgen hab ich kriegt. Bis die Vrenitant kommen ist mit ihrem Buam. Jetzt haben wir endlich ein Dach überm Kopf, wie sich´s ghört, und wegen dir werden wir alles wieder verlieren. Du dummes Saumensch, du.“

„Aber Mama, ich kann doch nichts dafür, dass der blöde Bub sich immer was tut. Ich…“

Weiter kam Josefa mit ihren Beschwichtigungsversuchen nie, denn jede Widerrede ihrerseits hatte einen neuen Heulkrampf mütterlicherseits und, schlimmstenfalls, eine weitere Watschn zur Folge. Spätestens nun brüllte Franz auch noch los.

„Ich hab Hunger, verdammt noch mal. Wenn ich nicht gleich was zu essen krieg, sag ichs meiner Mutter.“

Besagte Mutter allerdings zog kurz darauf nach Südamerika, wo sie erst einem feurigen Argentinier und einige Zeit später den schlagenden Argumenten seines angetrauten Eheweibs erlag.

Die Nachricht von ihrem unerwarteten Tod rief gemischte Gefühle im Hause hervor. Der Sohn trauerte, allerdings weniger um den menschlichen Verlust als um den Wegfall seiner Erspressungsmethoden. Josefa frohlockte aus ähnlichen Gründen. Zwei Wochen lang genoss sie Ruhe und Frieden, denn als Waise hatte Franz wenig zu sagen.

Doch dann kam der Tag der testamentarischen Offenbarung. Der Notar, ein hagerer Mann mit düsteren Augen, hatte sie alle zu sich berufen.

„Es geht um das Erbe der Vrenitant,“ erklärte Josefas Mutter.

Sie trug schwarz und offenbar sah sie auch schwarz. Ein großes kariertes Taschentuch in der Hand, schniefte sie ständig „Oh Gottogottogott, was wird nun aus uns werden?“

Josefa verstand die ganze Aufregung nicht, der kleine Franz schien in eine Art Energiesparmodus gefallen. Er gab keinen Ton von sich und hockte bewegungslos in der dunklen Ecke, nur sein Blick funkelte manchmal bedrohlich auf.

Das Testament war schnell verlesen. Die Vrenitant hatte ihrem einzigen Sohn Haus, Hof, Habe und Hühnerzucht hinterlassen. Seine beiden Pflegerinnen wurden nicht einmal mit einem Suppenhuhn bedacht.

„Mir bleibt nur, dem jungen Herrn viel Freude an seinem Besitz zu wünschen.“

Mit diesen Worten erhob sich der Notar. Für ihn war die Angelegenheit beendet, für Josefa und ihre Mutter auch. Fassungslos verließen sie die Kanzlei. Wortlos traten sie den Heimweg an.

Doch kurz vor dem aufgelassenen Gräberfeld, dort, wo der Herrschaftswald begann, bekam Seffis Mutter einen Tobsuchtsanfall.

„Undank ist der Welten Lohn,“ fuhr sie die Stopptafel an.

„Selig die Armen, denn ihnen ist das Himmelreich!“, bekam eine verdorrte Birke zu hören.

„Und du bist nur ein Hurensohn, ein verdammter, verzogener Hurensohn“ ging sie abschließend mit einem feuerroten Hydranten ins Gericht.

Danach schnappte sie noch zwei Mal nach Luft, spuckte Franz ins Gesicht und fiel tot um.

Ihr Herz war zu schwach gewesen für diesen Schicksalsschlag.

Die nun gleichfalls verwaiste Josefa aber blieb, in Ermangelung reizvollerer Alternativen, als Dienstmagd auf dem Hof. Die frische Luft und die harte Arbeit förderten ihre Entwicklung. Bereits im ersten Jahr entwickelte sie nicht nur einen veritablen Busen, sondern auch einen ausgeprägten Hühnerhass und rudimentäre Mordgelüste.

Im Jahr darauf kamen noch eine Gürtelrose und eine Oster-Phobie dazu. Was an den 500 Hennen lag, die an die 500 Eier legten. Und wenn der Osterhase im Anmarsch war, musste Josefa all diese Eier färben. Noch Wochen danach hatte sie rot-grüne Finger und diesen strengen Essiggeruch in der Nase.

Seit damals liebte sie Weihnachten. In der Winterzeit blieben die Hühner im Stall und die Nester leer. Es roch nach Zimt und Tannenreisig. Und der Schnee verlieh selbst dem Misthaufen einen sauberen Anstrich.

Manchmal trug auch Franz seinen Teil zum Weihnachtsfrieden bei, indem er um einige Dezibel leiser brüllte, Josefa weniger oft im Weg herumstand und kein faules Gemüse nach dem Postboten warf. Der Mann und sein knatterndes Motorrad waren ihm ohnedies egal, er stritt alleine aus sportlichen Gründen. Das brachte sein Zwerchfell in Form und sein Blut in Wallungen.

Derweil vergingen die Jahre.

Mit 16 kehrte Franz der Schulbank den Rücken und wandte sich weniger geselligen Beschäftigungen zu, der Suche nach einem Haar in der Suppe etwa oder nach dem Sinn des Lebens. Da Josefa einen Zopf trug, fand sich zumindest ersteres recht häufig. Der Sinnfrage nachzugehen, fiel ihm schwerer. Da er jede Art von Bewegung mied, bei der man nicht am Esstisch sitzen konnte, erinnerten seine metaphysischen Bestrebungen an eine Inszenierung von Samuel Beckett.

Er wartete und wartete, aber nichts geschah. Um seinen anämischen Intellekt etwas auf die Sprünge zu helfen, begann er mit dem Studium von Versandhauskatalogen.

Seine emotionale Ebbe umschiffte er durch die Heirat von Josefine. Er war zwar kein romantischer Händchenhalter, dafür aber ein recht passabler Buchhalter. Die Vorteile einer verehelichten Arbeitskraft mit großem Duldungspotential und kleinen Ansprüchen sprachen für sich.

Ein fremdes Weib im Haus würde Unfrieden stiften, Unsummen verschlingen und ihm womöglich noch schöne Augen machen. Was vergeudete Liebsmüh war, denn ihm fehlte der Blick für weibliche Reize. Seiner Fleischeslust rückte er, durchaus zufriedenstellend, mit Messer und Gabel zu Leibe.

Dadurch konnten die Kosten für Ehebett und Hochzeitsreise eingespart und 300 westfälische Totlegerhennen angeschafft werden.

„Seffi, setz dich mal her da. Ich muss mit dir reden!“

Folgsam stellte Josefa den Eierkorb auf die Anrichte, wischte den Hühnerdreck an der Kittelschürze ab und nahm halbherzig Platz.

„Was gibt’s denn?“

„Freitag in acht Wochen werden wir heiraten, ich hab mir das schon genau überlegt. Kirche und Pfaffen brauchen wir nicht und das Standesamt hat auch nachmittags offen. Dann geht sich das mit der Stallarbeit aus.“

„Du meinst, wir werden so richtig Mann und Frau?“

Ihr ging es eher um die praktische Umsetzung.

„Mann und Frau, so ein Blödsinn, das sind wir schon von Geburt an, mit der Heirat wird’s nur aktenkundlich. Damit alles seine Ordnung hat.“

Und bevor Josefa das Thema eheliche Pflichten und Rechte ansprechen konnte, war Franz schon wieder in seinen gewöhnlichen Umgangston verfallen.

„Und jetzt schau, dasst weiterkommst mit deine Eier. Hungrig bin ich auch schon wieder. Wo bleibt das Nachtmahl eigentlich, himmelkruzitürknocheinmal!“

Damit fegte er alle weiteren Argumente vom Tisch.

Die Hochzeit fand in kleinstmöglichem Kreise statt und erregte vermutlich gerade deshalb größtmögliches Aufsehen. Viele hielten Josefa und Franz für Geschwister und witterten einen Skandal, andere nahmen die Tatsache, nicht eingeladen worden zu sein, als persönlichen Affront und kauften ihre Eier fortan im Nachbarort, die Pfarrgemeinde schließlich sah in dem vorsätzlichen Verzicht auf Gottes Beitrag ein Werk des Teufels und rief hinter vorgehaltener Hand nach umgehender Exkommunikation.

Nur den Frischvermählten kam nichts davon zu Ohren. Nach der kurzen Zeremonie am Standesamt waren sie gleich wieder heim gefahren. Dort saßen sie mit ihren Trauzeugen, einem Geflügelgroßhändler aus Recklinghausen und dem ehemaligen Vormund von Franz, in der alten Stube und aßen Schweinshaxen mit Knödeln und Sauerkraut.

Gute Wünsche und anzügliche Ratschläge wurden ausgetauscht, danach sprach man eher dem Bier und der Hühnerzucht zu. Die Braut trug auf und ab, ansonsten aber wenig zur Unterhaltung bei.

Erst als die beiden Gästen sich verabschiedet hatten, verwickelte sie ihren Gatten zuerst in ein Gespräch, etwas später in eine Umarmung. Leider bewies der Bräutigam wenig Standfestigkeit und geriet ins Schwanken. Auf der Suche nach Halt fasste er an die alte Kredenz, schnitt sich an einem verbogenen Messingbeschlag, sah Blut und kollabierte.

Von da an vermied er jede weitere Annäherung an seine Frau und das Küchenmobiliar.

Überkam ihn dennoch, was selten genug der Fall war, ein seltsames Verlangen, ging er lieber auf den Hof und erwürgte ein Huhn.

Josefa hingegen legte weder Hand an sich noch an das Federvieh. Sie hatte auf Kindersegen gehofft, nun suchte sie den Segen Gottes.

Während Franz am Abend in seinen Katalogen blätterte, las sie die Heilige Schrift. Während er einen Gartenzwerg nach dem anderen bestellte, ging sie den Weg der Erleuchtung.

Gemeinsame Gespräche, sofern diese sich nicht um das Brutverhalten von Hennen oder die Ratenzahlung für die Biomasseheizung drehten, grenzten ans absurde Theater.

„Seffi, bald ist Ostern. Was hältst du von diesem Zwerg da mit dem Eierkorb? Den gäbe es dünnschichtlasiert oder in Glanzlack. Der würde sich dort, wo jetzt Schneewittchen steht, bestimmt ganz gut machen. Jetzt schau doch mal! Der da, der linke mit der grünen Mütze.“

Aufgeregt hielt er seiner Gattin den Prospekt vor die Nase, den Zeigefinger fest auf einen dieser gräulichen Gesellen gedrückt.

Und Josefa sah ihn an und sprach „Siehe, der hat Böses im Sinn; mit Unglück ist er schwanger und wird Lüge gebären.“

Danach blätterte sie weiter im Alten Testament. Das Buch war dick und ihr blieb wenig Zeit zum Lesen.

So zogen noch viele Ostern ins Land und viele Keramikfiguren in den Garten, bevor sie auf Jesaia 54:1 stieß.

„Sei fröhlich, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst! Und brich hervor und rufe, die du nicht schwanger bist! Denn die Einsame hat viel mehr Kinder denn die den Mann hat.“

Die fatale Tragweite dieser Worte drang langsam, aber unaufhaltsam in ihr Bewusstsein. Sie las den Spruch immer und immer wieder, kaute stundenlang an jedem einzelnen Satz herum, bis sie endlich verstanden hatte.

Sie könnte Kinder haben, viele Kinder, und sie könnte fröhlich sein – nur ihr Mann stand ihr dazu im Wege. Sie musste sich ein für alle Mal von dieser Zweisamkeit befreien. Und zwar rückstandslos.

Denn was ihr heute widerfahren war, das war kein Wink des Schicksals mehr, das war eindeutig Gottes Gebot.

Vor lauter Aufregung fiel ihr das Ei aus der Hand, das sie gerade in die Schüssel schlagen wollte. Freiwillig würde Franz nicht gehen, so viel war klar. Auf einen dritten Herzinfarkt zu hoffen, schien ihr zu riskant. Und eine formelle Trennung bedeutete nicht nur den Abschied von ihrem Mann, sondern auch von Haus und Hof.

Nein, das war keine Lösung. Sie fühlte sich Grund und Boden weitaus mehr verbunden als ihrem Gatten.

Doch Gott hatte ihr bereits einmal einen Weg gewiesen, gewiss würde er es wieder tun, sie musste nur aufrichtig danach suchen.

Den ganzen Frühling und Sommer hindurch investiertet sie dreimal mehr Zeit in die Bibellektüre als in den Gemüsegarten.

Kartoffeln und Karotten verdorrten, aber in ihrem Herzen ging die biblische Saat auf und trieb Früchte. Und genau zu Mariä Himmelfahrt wurde sie bei Mattaeus 3:10 fündig:

“Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“

Franz hieß Tanninger mit vollem Namen, und seine Fruchtbarkeit hatte er nie unter Beweis gestellt.

Josefa fiel auf die Knie und dankte dem Herrn. Danach ging sie in den Hof und zertrat einen Gartenzwerg. Als Vorgeschmack auf ihre zukünftige Einsamkeit sozusagen. Doch bis dahin hieß es abwarten und Kaffee trinken. Zwar hatte sie eine Axt im Hause und war auch geübt im Umgang damit, aber zur Leichenentsorgung fehlte ihr die Erfahrung.

Es fielen bereits der erste Schnee, als sie endlich die zündende Idee hatte. Noch spätabends saß sie vor dem Kamin und freute sich an den Vorweihnachtszeit. Schon immer hatte sie den Advent geliebt, bedeutete er doch Erwartung und Ankunft. Noch ein paar Minusgrade mehr, und zumindest ihre Erwartungen würden erfüllt werden.

„Und sie haben Ihren Mann nicht mehr gesehen, seit er in den Wald gegangen ist,“ wollte der Polizist wissen und sah dabei missmutig auf die Uhr.

Josefa schüttelte den Kopf.

„Ich hab´s ihnen doch gesagt. Er wollte den Christbaum schneiden gehen, das war irgendwann am frühen Nachmittag, und dann ist er offenbar nicht mehr nach Hause gekommen. Ich hatte so fürchterliche Kopfschmerzen, dass ich schon um sechs schlafen gegangen bin. Erst heute früh hab ich bemerkt, dass er nicht da ist. Ich wollte sein Bett machen und da sah ich es, also ich sah ihn nicht, ich mein, da war nichts außer dem leeren Bett und da hab ich Angst bekommen. So was hat er noch nie gemacht.“

Der Polizist sparte sich die Frage nach den ehelichen Schlafgewohnheiten, die beiden Einzelbetten in verschiedenen Etagen waren ihm Erklärung genug.

Zudem war Heiliger Abend, er hatte Familie und Kind und sehnte sich nach einem baldigen Wiedersehen. Zwar tat das die arme Frau vermutlich auch, aber er konnte ihr ohnedies nicht helfen. Menschen verschwanden immer wieder, vor allem in der Weihnachtszeit, und die meisten standen nach den Feiertagen wieder unversehrt vor der Tür.

„Aber kann man keinen Suchtrupp schicken, oder Hunde, oder einen Hubschrauber? Bei der Bergrettung haben sie ja einen. Was soll ich denn jetzt tun? Ich hab schon alles abgesucht, war vier Mal im Wald… Was, wenn er da draußen erfriert? Es gibt Wildschweine hier, die sind manchmal sehr angriffslustig..“

Josefa geriet in Panik, der Ordnungshüter auch.

Es wurde zunehmend später und sein bislang schwerster Fall war ein gestohlener Mähdrescher gewesen. Eine Suchhundestaffel aus der Kreisstadt anfordern, nur weil sich ein übergewichtiger Eigenbrödler vom Festtagsbraten fern hielt, schien ihm doch ein wenig außerhalb seiner Kompetenz.

„Frau Tanninger, wir machen das so; Sie warten noch einen Tag und dann schauen wir weiter. Ihr Mann taucht bestimmt wieder auf. Und die Hunde tun sich bei diesem sibirischen Wetter sowieso ein bisschen schwer mit den Fährten. Der Schnee liegt ja bald meterhoch.“

Um nicht erneut auf die Uhr zu starren, starrte er diese unvorstellbar kitschige Weihnachtsdekoration an, mit der Haus und Hof gleichermaßen zugemüllt waren.

Bei ein derartigen Ansammlung an Rentierschlitten, weihnachtsliedersingenden Engeln mit blinkenden Lämpchen im Haar, Gartenzwergen mit Christbaumkugeln, fassadenkletternden Weihnachtsmännern und klotzigen Fischen an der Haustür, die großmäulig „Jingle Bells“ sangen und mit den Flossen den Takt dazu schlugen, riskierte er einen optisch-akustischen Schlaganfall.

Der Blick auf die Uhr war ungefährlicher. Nach einer weiteren Stunde hatte er die Frau sogar so weit beruhigt, dass sie ihn widerwillig heimwärts ziehen ließ.

Und nun saß die jungfräuliche Witwe in der guten Stube und freute sich an ihrer neuen Einsamkeit. Obwohl sie rechtschaffen müde war, wollte sie keinesfalls schon ins Bett.

Sie würde die Nacht vor dem leuchtenden Baum verbringen und in der Bibel lesen. Wenn sie laut genug sprach, bekam möglicherweise auch Franz ein wenig vom Weihnachtsevangelium mit.

Solange es winterlich kalt blieb, konnte er unbeschadet noch einige Wochen in seiner Weihnachtsmannmontur an der Fassade hängen. Dort war er einer unter vielen und fiel sichtlich niemandem auf.

Später würde sie ihn dann zerlegen müssen, damit er in den Heizkessel passte.

Franz hatte ja schon vor Jahren gesagt „Seffi, du wirst sehen, die Anschaffung einer Biomasseheizung macht sich irgendwann bezahlt.“

Wie Recht er doch hatte. Das tolle Ding verbrannte ja nicht nur Hühnermist, sondern auch feuchten und minderwertigen Bioabfall.

Zielsicher warf sie das abgenagte Hühnerbein ins Feuer und begann hingebungsvoll „Ihr Kinderlein kommet“ zu singen.

3 Gedanken zu „Leise rieselt der Schnee….

  1. Liebe Klaudia – super Geschichte, in der bösen Tradition von Roald Dahl – aber schöner geschrieben, finde ich! Macht Lust auf mehr! Liebe Gruesse aus Berlin von Gabi

  2. Böse, böse, böse ;-). KÖSTLICH !
    …Bereits im ersten Jahr entwickelte sie nicht nur einen veritablen Busen, sondern auch einen ausgeprägten Hühnerhass und rudimentäre Mordgelüste….
    Das macht wirklich Appetit auf mehr.

  3. liebe klaudia,

    habe bei sandra vor weihnachten dein buch gekauft!
    deine arbeit mach auf jeden fall süchtig! bitte bitte noch weitere solche fälle, ein-, über-, etc. etc.,

    lieb grüße und danke für die zusätzlichen lachfältchen in meinem gesicht!
    sissi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.